Praxis Dr. Neidhart
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23. Akupunktur

a) Traditionelle chinesische Körperakupunktur

Die Akupunktur kommt aus China, wo sich rund 2500 Jahre v. Chr. die Volksmedizin zu einer Hochblüte entwickelte. Bereits damals ging man von einer Diagnostik aus, die auch heute Gültigkeit haben sollte:

Der Kranke muss in seiner Gesamtheit betrachtet werden. Dem chinesischen Denken ist es völlig fremd, den Menschen in Körper und Seele zu zerteilen. Die verschiedenen Kräfte bilden immer ein Ganzes, die Pole sind in einem Wechselspiel untrennbar miteinander verbunden.

Zur Diagnose gehören die genaue Kenntnis der Lebensgewohnheiten (z.B. Ernährung), die genaue Geschichte des Krankenverlaufs (Anamnese) sowie die genaue Untersuchung und Beobachtung des Patienten. hinzu kommen die Zungen- und Pulsdiagnostik.

Die Methoden der traditionellen chinesischen Medizin umfassten im wesentlichen drei Therapieverfahren:

Die Akupunktur, die sich mit verschiedenen Weiterentwicklungen bis in unsere Zeit erhalten hat.

Die Moxibustion, die in unseren Breiten wenig Anwendung findet. Dabei werden die Akupunkturpunkte durch das Abbrennen von getrocknetem und speziell fermentiertem Beifuß erwärmt.

Die Heilkräuterbehandlung, die traditionelle chinesische Pflanzen verwendet.

Die Chirurgie konnte sich in China kaum entwickeln, denn nach konfuzianischer Lehre war das Aufschneiden des menschlichen Körpers zu therapeutischen Zwecken ein Tabu. Wahrscheinlich schenkte man aber gerade dadurch den „sanften“ Diagnosetechniken (Betrachten, Hören und Riechen, Tasten, Erfragen und Untersuchen) besondere Aufmerksamkeit. Über Jahrtausende hinweg hat sich das Wissen um die Grundsätze der chinesischen Heilkunde erhalten. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden diese Kenntnisse unter dem Einfluß der christlich-abendländischen Welt zurückgedrängt, die traditionellen Methoden gerieten als Aberglaube in Verruf. Unter Mao Tsetung wurden die alten heilkundlichen Erfahrungen neuerlich gestärkt. Die moderne chinesische Medizin kombiniert westliche Methoden mit alten Erfahrungen. In der westlichen Welt ist der Akupunktur zunehmende Anerkennung in den letzten Jahren zugute gekommen. Immer mehr Ärzte greifen zu Akupunkturnadeln.

Gesundheit ist für chinesische Mediziner ein Gleichgewichtszustand zwischen gegensätzlichen Kräfte (Yin und Yang). Beide bilden eine Ganzheit, die im steten Wechselspiel der Gegensätze die Lebensenergie Qi hervorbringen. Diese ständig fließende Energie sammelt sich beim gesunden Menschen in den Organen und fließt ungebrochen durch Meridiane. Jeder Lebensvorgang, jede Organfunktion ist Ausdruck des Wirkens von Qi. Nach traditioneller chinesischer Vorstellung entstehen Krankheiten meistens dann, wenn der Fluß von Qi stockt. Die Harmonie von Yin und Yang wurde gestört. Das Anstechen der Akupunkturpunkte ermöglicht der Energie dann wieder ein ungehindertes Fließen.

Nach traditioneller chinesischer Vorstellung wird der menschliche Körper von einem Linien-Netzwerk überzogen. Der Begriff Meridian entstand aus der Anordnung der Linien oder Bahnen: sie verlaufen polar in der Längsachse des Menschen. Es gibt zwölf paarige (Ying und Yang) Hauptmeridiane, die in einer engen Wechselbeziehung zu den ebenfalls nach Yin und Yang angeordneten Organen stehen. Weitere Meridiansysteme spiele in der Akupunktur nur eine geringe Rolle. Wichtig sind noch zwei „außerordentliche“ Bahnen, die an der Mittellinie der Körpervorderseite und –rückseite liegen. Auf diesem System der insgesamt vierzehn Meridiane liegen 361 klassische Akupunkturpunkte.

Das System der Meridiane und Akupunkturpunkte ist außerordentlich komplex verwoben. eine Gesamtdarstellung ist hier nicht möglich. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Indikationsliste (siehe Anhang) von über 40 Krankheiten zusammengestellt, bei denen die Akupunktur eingesetzt werden kann. Erkrankungen der Nerven und des Bewegungsapparates stehen neben Störungen des Verdauungstraktes im Vordergrund. Bei langdauernden Operationen, deren Narkose den Patienten sehr belastet, bedienen sich viele Krankenhäuser inzwischen auch der Akupunktur, um durch sie Narkose- und Schmerzmittel einzusparen.

Nadelung

Die Akupunkturpunkte werden heute meist mit Stahlnadeln angestochen. Gold und Silber werden fast nur noch in der Ohrakupunktur benutzt. Die Nadeldicke schwankt zwischen 0,2 und 0,4 Millimeter, die Nadellänge zwischen ein und zehn Zentimetern. Während der Behandlung kann der Patient liegen, sitzen oder in seltenen Fällen stehen. Am wichtigsten ist eine stabile, entspannte Position.

Je nach Störung wird unterschiedlich genadelt:
  • Der Stichwinkel kann senkrecht oder schräg angesetzt werden
    Die Stichtiefe variiert von einigen Millimetern bis zu einigen Zentimetern
    Die Nadelung dauert zwischen zehn und dreißig Minuten
    Die Stimulation (Drehen, Heben und Senken der Nadeln) ist je nach Krankheit unterschiedlich
  • Es gibt mehr oder weniger schmerzhafte Punkte. Erfahrene Ärzte informieren Sie vor der Nadelung über eventuell auftretende Beschwerden und sagen Ihnen, wie sie sich dann verhalten sollen
  • Es kann zum sogenannten „De Qi-Gefühl“ kommen, das charakteristisch für eine richtig durchgeführte Akupunktur ist: Taubheit, Druck, Schwere, Kribbeln, Hitze, Kälte oder „Elektrisierung“
Mögliche Komplikationen
  • Kollaps und Ohnmacht, wenn labile oder kreislaufschwache Patienten sitzend behandelt werden. Besonders am Anfang empfiehlt sich daher eine Behandlung im Liegen.
  • Infektionen: Sie entstehen bei Hautverletzungen.
  • Schmerz: Er ist auf stumpfes oder verbogenes Nadelmaterial oder ungeschickte Nadelungstechnik zurückzuführen. Schmerzen können auch durch Muskelbewegungen des Patienten entstehen, deshalb ist die entspannte Position so wichtig.
VerlVerletzung von Organen: Sie sind extrem selten und stellen einen schweren Kunstfehler dar. Sie treten bei unzureichender anatomischer Kenntnis oder grobfahrläßiger Anwendung auf.

Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen ab dem 01.01.2008 innerhalb von 4 Quartalen bis zu 10mal und mit Begründung bis zu 15mal eine Schmerzakupunkturbehandlung bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule als auch bei chronischen Schmerzen eines oder beider Kniegelenke bei Kniearthrose.

b) Elektroakupunktur

Nachdem die zu stimulierenden Punkte genadelt wurden, werden Elektroden an die Nadeln geklemmt, die schwache elektrische Ströme mit unterschiedlichen Impulsen weiterleiten. Diese Methode der Elektrostimulation wurde im Zusammenhang mit der Anästhesie bei langdauernden Operationen entwickelt. Heute findet sie vor allem bei starken chronischen Schmerzzuständen oder Allergien, insbesondere bei Heuschnupfen Anwendung.

Sie darf auf keinen Fall durchgeführt werden
  • bei Patienten mit Herzschrittmachern
  • bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen
  • bei Epileptikern
  • bei Schockzuständen oder Fieber
  • während der Schwangerschaft
Mögliche Komplikationen

Kreislaufkomplikationen wie Blutdruckabfall oder Ohnmacht sind selten. Herzrhythmusstörungen bei zu hohen Stromstärken werden diskutiert.

Elektro-Akupunktur gegen Heuschnupfen

Heuschnupfen ist eine Störung des Immunsystems mit einer Überempfindlichkeit auf Pollen. Fast jeder Fünfte leidet heute unter dieser Allergie. Die Zeichen sind Augentränen, Nasenlaufen und Niesen. Neben einer Erbanlage spielen zunehmende Umweltbelastungen eine entscheidende Rolle. Jeder sollte sich therapieren lassen, da Verläufe von Heuschnupfen zu Asthma bronchiale gar nicht so selten sind.

Neben den bekannten Methoden, wie einer spezifischen Immuntherapie, einer sogenannten Desensibilisierung, gibt es Medikamente (Spray, Tropfen, Tabletten) zur Unterdrückung der Allergie oder naturheilkundliche Methoden wie Eigenbluttherapie oder verschiedene Akupunkturverfahren. Die traditionell chinesische Akupunktur umfasst 10-15 Behandlungen. Daneben gibt es ein Elektro-Akupunktur-Verfahren, das mit einer einmaligen Behandlung zu ca. 70 % für 4-6 Wochen Linderung bringt.

Mit einem Messgerät für Hautwiderstand werden 2 Punkte am Nacken aufgesucht, die dann mit einer lokalen Betäubungsspritze gequaddelt und anschließend jeweils mit einer dünnen Akupunkturnadel genadelt werden. Über die Akupunkturnadel wird dann ein Reizstrom mit einem Akupunktur-Elektrostimulationsgerät ins Nervensystem eingeleitet und regulierende Impulse über Nebenniere und Milz auf das Immunsystem ausgeübt. Die Wirkungsweise hält bis zu 6 Wochen und ist nur symptomatisch. Die Sitzung soll bei Auftreten der ersten Symptome in jeder Saison erfolgen und dauert ca. 10 Minuten und kann nach 4-6 Wochen wiederholt werden.

c) Ohrakupunktur (Aurikulotherapie)

Grundlage der Ohrakupunktur ist die Annahme, dass der ganze Körper des Menschen auf der Ohrmuschel abgebildet ist. Am Ohr finden sich alle Organsysteme und die Extremitäten wieder. Entsprechend der Krankheit können bis zu 108 Punkte stimuliert werden. Die Ohrakupunktur wirkt nicht so lange wie die Körperakupunktur. Darum empfehlen erfahrene Behandler, beide Techniken zu kombinieren: bei akuten und sehr schmerzhaften Erkrankungen sind damit Sofortwirkungen zu erzielen.

Mögliche Komplikationen:

Die Nadelung am Ohr ist oft schmerzhafter als am Körper. Die etwas dickeren Ohrakupunkturnadeln verletzen den Knorpel des Ohrs eher als andere Nadeln. Außerdem ist das Ohr infektionsgefährdeter als die Haut.

d) WHO-Indikationsliste für Akupunktur

Respirationstrakt

akute Sinusitis

akute Rhinitis

allgemeine Erkältungskrankheiten

akute Tonsillitis

Bronchopulmonale Erkrankungen

akute Bronchitis
Asthma bronchiale
(sehr wirksam bei Kindern und Patienten
ohne Begleiterkrankungen)

Augenerkrankungen

akute Konjunktivitis
zentrale Retinitis
Myopie (bei Kindern)
Katarakt (ohne Komplikationen)

Erkrankungen der Mundhöhle

Zahnschmerzen
Schmerzen nach Zahnextraktion
Gingivitis
akute und chronische Pharyngitis

Gastrointestinale Erkrankungen

Ösophagus- und Kardiospasmen
Singultus
Gastroptose
akute und chronische Gastritis
Hyperazidität des Magens
chronisches Ulcus duodeni
akute und chronische Kolitis
akute bakterielle Dysneterie
Obstipation
Diarrhoe
paralytischer Ileus

Neurologische und orthopädische Erkrankungen

Kopfschmerzen

Migräne

Trigeminusneuralgie

Fazialisparese

Lähmungen nach Schlaganfall

periphere Neuropathien

Poliomyelitislähmung

Morbus Meniere

neurogene Blasendysfunktion

Enuresis nocturna

Interkostalneuralgie

Schulter-Arm-Syndrom

Periarthritis humeroscapularis

Tennisellenbogen

Ischialgie, Lumbalgie

Rheumatoide Arthritis
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