Praxis Dr. Neidhart
Praxis Dr. Neidhart

26. Lymphologie

Im Mai 2011 habe ich die Ausbildung zum Lymphologen abgeschlossen und den interdisziplinären Qualitätszirkel Lymphologie des Landkreises Konstanz/Bodensee und das Lymphnetz-Konstanz für Ärzte, Lymphdrainage-Therapeuten/in, Bandagisten/in, Orthopädie-Techniker/in sowie Dipl.-Sportlehrer/in gegründet und die Leitung dieses Zirkels übernommen.

Unter Lymphologie verstehen wir die Lehre vom Aufbau und Funktion des Lymphsystems. Das Lymphsystem ist Teil des Gefäßsystems, d.h. Organ der Zirkulation, gleichzeitig aber auch Teil des Immunsystems. Dementsprechend kann die Lymphologie in Lymphangiologie (Lymphgefäßsystem) und Lymphadenologie (Lymphknoten und immunkompetente lymphatische Gewebe) wie Tonsillen (Mandeln), Milz, Thymus, Peyer Plaques im Dünndarm, Knochenmark eingeteilt werden und ist eng verknüpft mit dem Fachgebiet der Hämatologie und Onkologie.

Zur Hauptaufgabe des Lymphsystems gehört in erster Linie die Entsorgung des Bindegewebszwischenraum. Darunter versteht man den Abtransport von lymphpflichtigen Lasten (Eiweiß, Fett, Zellbestandteile und Wasser) und chemischen, organischen und nicht organischen Zellprodukten sowie Zellresiduen einschl. artfremder Organismen wie Viren und Bakterien. Darüber hinaus hat das System wichtige Aufgaben in der Mikrozirkulation.

1.) Lymphödem
Äußeres Erscheinungsbild einer Insuffizienz dieses Transportsystems ist das lymphostatische Ödem der Extremitäten (Lymphödem und seiner Kombinations- und Sonderformen). Die meist chronisch verlaufende Erkrankung bedeutet für den Betroffenen eine zunehmende Einschränkung der Lebensqualität. Hauptziel des ärztlichen Handelns muss es deshalb sein, durch frühzeitige Diagnose und konsequente physikalische Entstauungstherapie eine progressive Entwicklung der Erkrankung zu vermeiden. Voraussetzung für den therapeutischen Erfolg ist allerdings der richtige Einsatz und die kompetente Durchführung der verschiedenen Einzelmaßnahmen sowie eine intensive und konstante Mitarbeit des betroffenen Patienten. Es besteht kein Zweifel, dass der Behandlungserfolg wesentlich durch Qualität und Erfahrung des Lymphtherapeuten und Bandagisten beeinflußt wird.

Zentrale Bedeutung kommt innerhalb dieser personenzentrierten Ödemtherapie der Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie (KPE) zu. Sie umfasst die Maßnahmen: Manuelle Lymphdrainage, Hautpflege, lymphologischer Kompressionsverband, Bewegungstherapie (Physiotherapie) und die Hochlagerung der betroffenen Extremität. Nach einer ersten Phase der Endödematisierung in Verbindung mit der Kompressionsstrumpfanmessung erfolgt eine zweite Phase in der Konservierung und Optimierung der Ödemsituation.

Fehler bei der Kompressionsstrumpfversorgung mit negativer Auswirkung auf Behandlungserfolg, Patienten-Compliance und Kosten sind häufige Folgeerscheinungen.

2.) Kombinationsformen des Lymphödems
a) Lipödem (Synonyme: Panniculitis, Lipomatose, Zellulitis) ist eine chronische und im Laufe der Jahre meist fortschreitende Erkrankung des Unterhautfettgewebes mit symmetrischer Fettverteilungsstörung und orthostatischer Ödembildung. Es ist eine Frauenkrankheit unbekannter Ursache und beginnt nach der Pupertät, d.h. nach Beginn der Produktion weiblicher Hormone. Befallen ist überwiegend die untere Körperhälfte, oft reithosenartige, zonale Fettgewebsvermehrung in Höhe der Hüften und Oberschenkel, häufig auch die Unterschenkel erfassend, selten auch die Arme und die Schultergürtel betreffend. Die Füße sind bei reinem Lipödem nicht betroffen. Charakteristisch sind Berührungs- und Druckschmerzen sowie die Neigung zur Hämatomen (Blutergüssen). Neben dem Anstreben des Normalgewichtes ist das konsequente Tragen von Kompressionsstrumpfhosen unbedingt erforderlich, nur hierdurch lassen sich Volumenreduktionen erreichen. Die manuelle Lymphdrainage ist bei verstärkter Ödemneigung ebenfalls angezeigt. Im Frühstadium des Lipödems, d.h. bei fehlender Lymphostase kann auch die Therapie mittels apparativer intermittierender Kompression mit einem Mehrkammergerät hilfreich sein. Mit der konservativen Therapie gelingt es in der Regel, einen ödemfreien Zustand mit Rückbildung der Spontanschmerzen zu erreichen. Bei unbefriedigender Beeinflussung des kosmetischen Aspektes hat sich heute das operative Standardverfahren der Liposuktion (Fettabsaugung) in Tumeszens-Lokalanästhesie (Lokalbetäubung) als nebenwirkungsarmes Verfahren am besten bewährt.

b) Lipo-Lymphödem
Als Komplikation des Lipödems kann das Übergewicht im Laufe der Jahre zu einer Entwicklung eines Lymphödems führen, wobei dieser Zustand als Lipo-Lymphödem bezeichnet wird.

c) Phlebolymphödem (phlebo-lymphatisches Ödem, chronische venöse lymphostatische Insuffizienz) ist ein Extremitätenödem auf dem Boden einer lymphogenen Schädigung als Folge einer Venengrunderkrankung, wie z.B. einer chronisch venösen Insuffizienz (CVI).

Es gibt 3 Stadien der chronisch venösen Insuffizienz (CVI), wobei das Stadium 2 und 3 sichtbare und tastbare Ödeme bis Unterschenkelmitte, vermehrte Hautpigmentierung, entzündliche Unterhautveränderungen und im Stadium 3 zusätzlich abgeheilte oder aktive Ulzera (Geschwüre) aufweisen. Die ambulante Therapie beginnt je nach Ausgangslage mit der Behandlung von Kompressionsverbänden oder einer physikalischen Entstauungsbehandlung (KPE) zur Verbesserung des Lymphödemes. Die Kompression kann allerdings nicht die Ursache der venösen Abflußstörung beseitigen. Zur vollständigen Therapie gehört die Varizen (Krampfader)Behandlung mit Ausschaltung sämtlicher venöser Insuffizienzpunkte durch Operation und Sklerosierung (Verödung). Unbedingte Voraussetzung ist allerdings, dass der operative Eingriff unter größtmöglichster Schonung sämtlicher Lymphkollektoren im Operationsbereich („minimalinvasive“) Behandlung durchgeführt wird.

d) Idiopathisches Ödem (zyklisch)
Diese Ödemform betrifft nur Frauen, d.h. es besteht eine zyklische, hormonelle Abhängigkeit der Wassereinlagerungstendenz, wahrscheinlich durch eine hormonelle Dysbalance in der 2. Zyklushälfte mit vermehrter Ödemneigung des ganzen Körpers, die am Morgen im Gesicht beginnt und im Laufe des Tages in die Unterschenkel absteigt (prämenstruelles Syndrom = PMS). Man geht von einer hormonell bedingten, erhöhten Permeabilität der Blutkapillaren mit vermehrter Hyperfiltration aus. Therapeutisch sind in der 2. Zyklushälfte manuelle Lymphdrainage wie auch eine Kompressionsstrumpfbehandlung angezeigt.
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