Praxis Dr. Neidhart
Praxis Dr. Neidhart

20. Palliativmedizin

Die Palliativmedizin ist ein Fachgebiet, das sich welt- und europaweit in den vergangenen 30 Jahren im Rahmen der Versorgung unheilbar kranker Menschen mit begrenzter Lebenserwartung herausgebildet hat. Die Bezeichnung leitet sich vom lateinischen Wort „pallium“ (Mantel oder Umhang) ab und steht für Linderung, Schutz und Geborgenheit.

In der zuletzt im Jahr 2002 aktualisierten Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von „Palliative Care“ – im deutschen Sprachgebrauch häufig mit „Palliativmedizin“ oder „Palliativversorgung“ übersetzt – heißt es unter anderem: „Die Palliativmedizin bemüht sich darum, die Lebensqualität von Patienten und ihren Angehörigen, die mit Problemen im Verlauf einer lebensbedrohlichen Erkrankung konfrontiert sind, zu verbessern… Schon frühzeitig im Krankheitsverlauf sollen Schmerzen und andere körperliche, psychosoziale und spirituelle Probleme wahrgenommen, korrekt erfasst und behandelt werden“.

In der Palliativmedizin hat es sich bewährt, die letzte Lebenszeit eines Menschen, der an einer unheilbaren, progredienten und aller Wahrscheinlichkeit nach in absehbarer Zeit zum Tode führenden Erkrankung leidet, in vier Phasen (nach Johnen-Thielemann) einzuteilen:
  • Rehabilitationsphase. Der Patient kann trotz fortgeschrittener Krankheit (eventuell durch Palliativmaßnahmen) weitgehend wieder in sein normales gesellschaftliches Leben eingegliedert werden. Die Prognose beträgt in der Regel viele Monate, manchmal Jahre.
  • Präterminalphase: Der Patient zeigt deutlich sichtbare Symptome der fortgeschrittenen Erkrankung. Die meisten Beschwerden können durch umfassende Schmerz- und Symptomkontrolle zufrieden stellend gelindert werden; allgemeine Zeichen des nahenden Lebensendes bleiben jedoch und schränken seine Möglichkeiten des aktiven Lebens ein. In dieser Situation beträgt die Prognose mehrere Wochen bis Monate.
  • Terminalphase: Der Schwerkranke lebt unmittelbar an der Grenze seines Lebens zum Tod. Er ist die meiste Zeit oder dauernd bettlägrig. die Prognose ist auf wenige Tage bis zu einer Woche begrenzt.
  • Finalphase (eigentliche Sterbephase): der Mensch liegt im Sterben, ist am äußersten Endpunkt seines Lebens angelangt. Der Eintritt des Todes ist in einigen Stunden zu erwarten.
Oft werden die Begriffe Präterminalphase, Terminalphase und Finalphase unter der Bezeichnung „Terminalstadium“ zusammengefasst. Hier soll vor allem der ärztliche Umgang mit Menschen in ihren letzten Lebensmonaten, -wochen und –tagen beschrieben werden.

Eines der wesentlichen Ziele in der Palliativmedizin ist es, quälende körperliche und psychische Symptome rasch zu lindern. Der Schwerpunkt liegt dabei – zumal im Terminalstadium – weniger auf einer intensiven (und oft auch belastenden) apparativen Diagnostik, als vielmehr auf raschem (Be-)Handeln mit nachfolgenden kurzfristigen Verlaufskontrollen. Da das subjektive Wohlbefinden im Vordergrund steht, ist die Therapie bei initialer Erfolglosigkeit relativ zügig zu variieren.

Neben allgemeiner Schwäche und Schmerzen betreffen die häufigsten Symptome bei palliativmedizinisch zu behandelnden Patienten den Gastrointestinaltrakt (Appetitlosigkeit, Übelkeit/Erbrechen, Obstipation, Obstruktionen), das respiratorische System (Dyspnoe, Husten) sowie die Fragen hinsichtlich eines adäquaten Umgangs mit den Phänomenen Hunger und Durst.

Auch im Rahmen der häuslichen Betreuung ist es möglich, einen Großteil der mit dem Lebensende einhergehenden Symptome positiv zu beeinflussen, mitunter sogar erheblich zu bessern.

Von großer Bedeutung in diesem Zusammenhang ist es, realistische Therapieziele zu benennen, dem Patienten nicht zu viel zu versprechen und ihm auch beim Umgang mit weiterhin bestehenden Symptomen beizustehen. Das Ausmaß der vom Patienten subjektiv wahrgenommenen Qual hängt nicht nur vom objektiven Grad der Symptomausprägung ab, sondern immer auch von der Art und Weise, wie der Betroffene mit dem Problem umgeht, beziehungsweise davon, was er erwartet.

Palliativmediziner wollen Menschen am Ende des Lebens Linderung, Schutz und Geborgenheit bieten.

Mehr als 420000 Menschen in Deutschland erkranken jährlich an Krebs. Etwa ein Drittel aller von Krebs Betroffenen leidet bereits in einem frühen Stadium der Erkrankung an Schmerzen – im weiteren Verlauf sind es bis zu 90%. Aus diesem Grund ist gerade die Schmerztherapie, insbesondere in Form einer multimodalen Tumorschmerztherapie, ein besonders wichtiger Teil der Behandlung bei Tumorerkrankungen. Das WHO-Stufenschema zur Behandlung von Schmerzen hat sich in den letzten 20 Jahren weltweit etabliert. Der Gesetzgeber hat eine sogenannte spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) geschaffen, die im Landkreis Konstanz 2010 umgesetzt wurde. Moderne Medizin und Pflege machen es möglich, dass auch Menschen mit nicht heilbaren, weit fortgeschrittenen Erkrankungen und einer begrenzten Lebenserwartung die letzte Phase ihres Lebens gut versorgt in der häuslichen Umgebung verbringen können.

Als erster niedergelassener Palliativmediziner in Konstanz nehme ich am Netzwerk der Speziellen Ambulanten Palliativversorgung im Landkreis Konstanz seit 2010 teil.

Gemeinsam mit Dr. med. Andreas Hawle habe ich im Januar 2012 die Arbeitsgemeinschaft Palliativ@Schmerzmedizin Bodensee (AP@SB) sowie den von dieser Arbeitsgemeinschaft geführten ganzheitlichen, interdisziplinären und grenzübergreifenden Qualitätszirkel am Klinikum Konstanz gegründet. Diese Arbeitsgemeinschaft ist ein Zusammenschluß von Fachkräften und Experten/-innen wie Experten für Palliativ- und Schmerzmedizin aus der ganzen Region und arbeitet grenzübergreifend im gesamten Bodenseegebiet, einschließlich des Kantons Thurgau in der Schweiz. Praktisches Ziel ist auch, Brücken zwischen ambulanter und stationärer Behandlungsebene auf dem Gebiet von Palliativ- und Schmerzmedizin zu bauen. Eine Vernetzung mit Selbsthilfegruppen, Hospizvereinen, der Konstanzer Brückenpflege und weiteren ambulant-palliativ-fortgebildeten Pflegediensten ist vorgesehen. Expertisen aus den verschiedensten Fachgebieten werden integriert, z.B. aus der Schmerzpsychologie, Onkologie und aus verwandten Arbeitsgebieten. Ziel der Vereinigung ist Offenheit im Dialog, die Verbreitung und Kenntnisse und Erfahrung sowie eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Regelmäßige Begegnungen am Klinikum Konstanz und die Veranstaltung von Konferenzen und Fortbildungen in der Region garantieren einen intensiven und anregenden Austausch.
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